Archiv für: Januar 2010, 31

31.01.10

Permalink 20:16:53, Kategorien: Unterwegs, 2083 Wörter   German (DE)

Bumm!
Willkommen im Neuseeländischen Hochsommer, Januar 2010...Endlich habe ich den Hintern mal wieder hochbekommen um good old Europe mal einen Winter lang die kalte Schulter zu zeigen...jawoll! Einfach so und tschüss. Schon nach zehn Tagen in diesem aussergewöhnlichen Land wird mir eins schmerzlichst bewusst...die acht Wochen sind viel zu knapp für was ich hier vorhabe...Neun Jahre sind vergangen seit ich hier war, doch mein erster Eindruck bei der Rückkehr war genau, wie ich die Menschen hier in Erinnerung hatte: verdammt gelassen und freundlich, äusserst hilfsbereit und gastfreundlich, einfach saunett! Man kann hier im tiefsten Busch auf einer Schotterpiste einfach am Wegesrand anhalten um ein paar Fotos von der atemberaubenden Landschaft zu machen, nichts und niemand weit und breit....die erste Karre die irgendwann auftaucht, wird garantiert anhalten und die Insassen werden fragen ob alles in Ordnung ist!
Einfach so. Niemand hat diese scheiss Eile wie in Europa...die Menschen nehmen sich Zeit für ein Quätschchen und sind einfach um einiges toleranter wie ein gewöhnlicher Mitteleuropäer. Nach meiner Ankunft in Auckland dauerte es nicht lange, bis der Kontakt zu den Leuten, die ich noch, von vor neun Jahren kannte, wiederhergestellt war. Meine ersten Tage verbrachte ich hier mit Pip und Corey von Artrageous und mit Nehe im Garten vom Veterinär, der erst den Liebhaber seiner Frau, dann seine Frau, dann zwei Polizisten und dann sich selbst erschossen hat...Neuseelands Geschichte ist und bleibt blutig! Mein Fahrzeug habe ich
diesmal goldrichtig gewählt...wirklich schön wirds hier dann, wenn die Piste dorthin richtig scheisse ist! Meine Wahl für diese Expedition hat sich in den ersten zehn Tagen meiner Reise schon mehr als bewährt und mir Einsicht in wirklich abgelegene Gegenden gegeben. So abgelegen, dass kaum europäisch- stämmige Bewohner zu sichten sind... und genau dieses Neusseeland wollte ich dieses mal genauer entdecken und dort arbeitende Moko Künstler aufsuchen. Ein halbwegs geländegängiges Motorrad ist genau das Richtige, um das Hinterland zu erkunden... Zehn Tage später und 1300 Kilometer weiter weiß ich, dass ich aufs richtige Pferd gesetzt habe. Mein Mietmotorrad von Yvonne und Kurt Von Banz, eine gut eingerittene aber treue Yamaha XT 600, wird hier nur überholt, wenn sie zum Tanken anhält. Mein erster Studienaufenthalt dauerte zwei Tage, mit Nehe
im Garten des mordenden Tierarztes. Ich erhielt interessante neue Einblicke zum Fischfang, Flora und Fauna, von einem Maori aus Ruatoria seine Heimatregion, die Ostküste der Nordinsel! Fantastisch wie mir Nehe, ein Mann mit voller Gesichtstätowierung, mit allen Sinnen und Gesten und Fachausdrücken in seiner Sprache, die Besonderheiten seines Stammes und seiner Heimatregion sehr lebendig und gestenreich erklärte. Das Verhältnis seiner Leute zur Natur, ist wie bei vielen Maori ein ganz besonderes... Diese Menschen lieben das Leben und jeder Kreatur wird grosse Anerkennung und Respekt entgegengebracht, auch wenn sie
gleich anschließend verspeist wird, geliebt und verehrt wurde sie trotzdem! Mich zog es anschließend nach Norden und somit war mein nächster Stop kurz vor Helensville etwas nördlich von Auckland, um bei Inia Taylor von Moko Ink vorbeizuschauen. Inia, zusammen mit seiner reizenden Frau Aileen und Tochter Ra haben ein wunderschönes Anwesen gegen ein hektisches Leben in der Stadt getauscht. Sie leben sehr beschaulich auf einer ehemaligen Farm. Ein, durch einen kleinen
Spaziergang durch ein Wäldchen erreichbares Nebengebäude, dient Inia als
Tätowierstudio. Der Mann hats wirklich fein dort...mit einem Blick in
wunderschöne Landschaft, Vogelgezwitscher am Morgen und wohlerzogenen Kunden, die pünktlich morgens um zehn hochmotiwiert zum Termin erscheinen.
Inia nimmt sich viel Zeit für Details und unterhält sich eingehend mit seinen Kunden über deren Motivation, ihre Tätowierung zu bekommen. Anschließend wird grob vorskizziert und dann, nach und nach das Motiv ins Reine gebracht. Dabei wird der Kunde von Inia aufs genaueste befragt, um eventuell noch irgendwelche noch so kleinen Botschaft mit ins Motiv einzubinden. Nach meinem zwei Tage währenden Intermezzo bei Inia, lockte mich der unwiderstehliche Sonnenschein nach Norden....ganz nach Norden, zunächst durch die "Kauri" Wälder der Westküste. Diesen bis zu zweitausend Jahren alten und sehr langsam wachsenden Riesenbäumen musste ich gesehen haben. Der Weg durch den nativen Regenwald dorthin, über Schotterpisten, Stock und Stein sollte mir einen kleinen Vorgeschmack auf Motorradfahren auf unbefestigten Wegen geben...Bis dahin mit Null Erfahrung in diesem Bereich, konnte ich jetzt mit
voller Beladung feststellen, dass Motorräder ohne Asphalt unter den Reifen doch ganz anders reagieren...
Die Bevölkerung in diesem nördlichen Teil Neuseelands ist mehrheitlich nativer Herkunft, und der eine oder andere Städter aus Auckland hatte mich
gewarnt...Sei bloß vorsichtig mit den Leuten da oben....die klauen Dir das Gepäck vom Motorrad! Meine Erfahrungen waren ganz andere. Jedesmal wenn ich irgendwo angehalten habe um mir etwas anzuschauen, bot sich innerhalb kürzester Zeit einer der bösen Buben an ein Auge auf meinen Kram zu werfen, während ich mir in Ruhe eine weitere Attraktion aus Neuseelands Naturwundern anschauen konnte...Nie hat irgendwas gefehlt!
Nie wollte irgendwer Geld fürs Aufpassen. Wenn man Interesse an der Kultur der Maori hat und ein paar ihrer Geschichten und Legenden kennt und mit Ihnen teilt, ist man automatisch wie ein Familienmitglied für diese Leute...die finstersten Dorfgangster sind kackenfreundlich und hilfsbereit, wenn man sich einfach nur entspannt und interessiert mit ihnen unterhält. Nach den Kauriwäldern folgte ein zweitägiger Aufenthalt am Hokianga Harbour, einem weit ins Land hineinreichenden Naturhafen an der Westküste, wo der Seefahrer Kupe nachdem er Neuseeland entdeckt und erforscht hatte einen letzten Halt einlegte. Die Landschaft rund um diesen Fjord ist zum größten Teil noch nativer Busch und die Leute, die ich auf endlosen Kilometern übelster Buschpiste treffe, waren
zum größten Teil auf Pferden ohne Sättel unterwegs und trugen wie alle Landeier in Neuseeland Gummistiefel! Eine Piste brachte mich zu einer einsamen Bucht an der Tasmansee, deren Bewohner mich ungläubig bestaunten....wahrscheinlich war ich der erste "Paheka" (Nicht-Maori) seit James Cook in ihrer Bucht.... Mich zog es weiter, immer weiter nach Norden...das Land wird dort immer schmaler, auf der einen Seite die Tasmansee und auf der Ostseite der grünschimmernde endlose Südpazifik.... mit dem Motorrad nur fünfzehn Minuten voneinander entfernt. Gegen mittag erreichte ich "Cape Reinga". Leider war das Kap um diese Zeit total von Touristen überlaufen...eine echte Seltenheit hier!
Ich entschied mich, wenige Kilometer zurück eine kleine Piste von der
Hauptstrasse zum Meer herunterzufahren und stieß dort auf einen der wohl
schönsten "Campingplätze" die ich je gesehen habe:eine Bucht mit schönen
Wellen, grünlich, südseeähnlich schimmerndes Wasser, feinster Sandstrand und zu allem Überfluss noch ein kleiner Fluss mit herrlich kaltem Süsswasser, der dort in den Pazifik mündet.
Nach dem die Sonne etwas tiefer steht, mache ich mich auf den Weg zum
sagenumwobenem Kap, zu dem alle Maoriseelen nach ihrem Tod wandern. Die Maori nennen diesen Ort "Te Rerenga Weirua", der Ort, wo die Seele abreist...die Maori glauben, dass ihre Seelen nach ihrem Tod den Ninety Mile Beach an der Westküste hinaufziehen, bis zum Te rerenga Weirua, wo sie dann die Klippen und an den Wurzeln eines Baumes in den Ozean hinabgleiten, um von den Three Kings Islands, etwas nördlich, einen letzten Blick auf Neuseeland zu werfen, bevor sie endgültig nach "Hawaki" ihrer Geisterheimat entschwinden. Der Wanderweg, die Küste entlang, ist atemberaubend. Total einsam, ich treffe keine Menschenseele....Von meinem Zeltplatz geht es einige hundert Höhenmeter anständig bergauf und dann in der nächsten Bucht genauso steil wieder runter...ich werde beinahe von einer Wildschweinmutter mit zwei Jungen über den Haufen gerannt...Die haben mich einfach nicht bemerkt...im letzten Moment, ich habe schon zwei fette Kiesel zur Selbstverteidigung in den Händen, sehen sie mich
dann doch noch und verdrücken sich laut quiekend im Gebüsch. Ein letzter
Aufstieg und das Kap liegt vor mir...Abenddämmerung, keine Touris. So habe ich mir das gewünscht...Vom Cape Reinga aus kann man sehen, wie zwei Ozeane aufeinandertreffen....ganz deutlich treffen hier Tasmansee und der
südpazifische Ozean aufeinander. Als ich mitten in der Nacht zu meinem Zelt zurückkehre, lerne ich noch Ray kennen, der mich auf seine Austernfarm ganz in der Nähe einlädt....doch die Zeit drängt...so viele leute die ich noch aufsuchen möchte...nächstes mal Ray!
Ich mache mich am nächsten morgen wieder auf den Weg nach Süden. Diesmal die Ostküste entlang zur Bay of Islands, einem weiteren Geschichtsträchtigen Ort in der Geschichte Neuseelands und zur Heimat von "Te Rangitu Netana", einem weiteren Maoritätowierer der Spitzenklasse. Auch Te Rangitu hat es sich wie die meisten seiner Kollegen auf dem Land gemütlich gemacht...Ein kleines Nebengebäude neben seinem Wohnhaus mitten im Busch dient als Tätowieratelier. Mein Tag mit Te Rangitu ist sehr lehrreich und herzlich. Endlich habe ich die Gelegenheit, mir die Arbeit dieses Mannes in Ruhe anzuschauen...das letzte und erste mal haben
wir uns in Holland für ein paar Minuten kennengelernt. Sein Stil an
Tätowierarbeit unterscheidet sich komplett von dem, was ich bisher weiter
südlich in Neuseeland sehen konnte...seine Arbeit besteht fast ausschließlich aus Linien. Te Rangitu verzichtet gänzlich auf Schattierungen. Er will mit seinen Tätowierungen nicht die Illusion einer Schnitzerei erzeugen, sondern bevorzugt den klaren, primitiven Stil. Die Vielfältigkeit seiner Bildsprache ist umwerfend...es gibt kein Körperteil was nicht wunderbar harmonisch mit seinen Mustern gestaltet wurde, Gesichter, Hände, Füße, der Mann kann alles!
Sympatisch bescheiden ist er trotzdem! Auf dem Weg nach Kerikeri habe ich noch einen kulinarischen Unfall auf einem Parkplatz vor einem Farmladen....Die Handschuhe die ich aus Deutschland mitgebracht habe, entpuppen sich hier im tropischen Norden als viel zu warm...also fahre ich seit tagen ohne, was einen satten Sonnenbrand auf meinen Händen zur Folge hat. Als ich mit meinen verbrannten Händen die Landstrasse entlangsause, entdecke ich im Augenwinkel einen Farmstore...Vollbremsung, einbiegen auf den Parkplatz. Zwei üble Burschen im Maorigangsterlook vor einem Audi 80, beäugen äusserst kritisch mein Landemanöver mit voll beladenem Motorrad. Rein in den Laden, ein paar dünne Lederhandschuhe
für zwölf Dollar sollten weitere UV Strahlung auf meine Hände abschirmen. Als ich rauskomme hau ich den beiden harten Burschen die immer noch an ihrem Audi rumhängen den Spruch an den Kopf, mit dem sie an diesem Morgen mit Sicherheit nicht gerechnet haben...."Hey Bruder,wie gefällt euch eure verfickte Deutsche Scheisskarre?!!" Den beiden klappt die Kinnlade bis auf den staubigen Parkplatzboden...was war das denn, will die Kalkleiste Streit oder was, schon am frühen morgen? Sucht dieser "Paheka" stunk?...ich lache die beiden an und sage..."Bleib locker Bruder, die bauen diese Scheisskarren da wo ich herkomme!"...Entspanntes Gelächter auf dem Parkplatz: der Typ sucht doch keinen Streit! Das übliche entspannte Gespräch beginnt, woher wohin, warum,
diese Leute wollen alles wissen...Tattoos zeigen, fachsimpeln über Audis und Tätowierungen. Einfach herrlich diese Menschen!
Ich hab den Helm schon auf dem Kopf und den Finger am Anlasser, als einer von Ihnen plötzlich meint " Hey mate, you like some "Kinna"?!"
"Kinna" was ist das denn?! Der Kofferraum des Audis öffnet sich und ich blicke auf einen Riesenhaufen Seeigel...Riesenbrummer! Ich denke noch, oh wie man die wohl zubereitet!? Da ist der erste von den stacheligen Genossen schon mit einem Buttermesser halbiert...Krach! Ein Schwall Wasser und Grütze fliegt durch die Luft, begleitet von dem Kommentar "Uuuuh das ist aber ein Dicker!"...mir schwant Fürchterliches...Scheisse! Die Typen fressen die Dinger echt roh! Strahlend hält man mir meinen halbierten Seeigel unter die Nase...wie isst man den denn?!
"Einfach mit den Fingern rein und alls runterschlürfen Bruder...." Der Anblick einer frischen Auster ist paradiesisch im Vergleich zu dem, was sich nun vor meinen Augen auftut....nun, ich will nicht unhöflich sein, also runter damit. Bevor ich mich versehe, sind drei weitere Seeigel in den Seeigelhimmel abgereist und wir drei schlürfen munter den gelblich mit roten Brocken und Stippen versetzten Inhalt dieser stacheligen Genossen...Nach zweieinhalb stattlichen Exemplaren muß ich passen, ich bin einfach voll, alles schmeckt nach Meer....jedes Schlagloch und jede Bodenwelle an diesem Vormittag lassen diesen einmaligen Geschmack wiederkehren.

Bald mehr auf diesem Sender.......
Sternenhimmel am Hokingaharbour...

Permalink

Januar 2010
Mo Di Mi Do Fr Sa So
<<  <   >  >>
        1 2 3
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30 31

Suche

Top Notch Org

RSS Feeds XML

Sonstiges

powered by
b2evolution